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Dienstag, 25. Oktober 2016

Die Eurozone verwandelt sich in eine Armutsmaschine



Von Matthew Lynn für www.Telegraph.co.uk, 24. Oktober 2016

Permanent werden Banken gestürmt. Die Anleihemärkte sind in Panik und die südeuropäischen Regierungen brauchen alle paar Jahre neue Notkredite. Die Arbeitslosigkeit ist dauerhaft hoch und das Wachstum bleibt aus, völlig egal wie viele Milliarden gedruckten Geldes die Europäische Zentralbank über der Wirtschaft auskippt.

Wir alle sind mittlerweile der Tatsache überdrüssig, wie sehr die Eurozone zu einer finanziellen Katastrophe wurde. Nun aber wird auch immer klarer, dass sie auch eine soziale Katastrophe ist. Was man bei den Diskussionen über Wachstumsraten, Notkredite und Bankenharmonisierung vergisst, ist wie sehr die Eurozone inzwischen zu einer Armutsmaschine wurde.

Mit dem Stagnieren der Wirtschaft verlieren Millionen Menschen ihren Status. Egal ob man es in relativen oder absoluten Kennzahlen ausdrückt, die Armutsrate in Europa ging überall nach oben, wobei die schlimmste Stituation in jenen Ländern vorzufinden ist, die der Einheitswährung angehören.

Ein schockierendes Zeichen über das Versagen der Währung ist kaum möglich, und auch keine mächtigere Erinnerng daran, dass die Lebensstandards nur dann wieder nach oben gehen können, wenn der Euro entweder radikal reformiert oder ganz abgeschafft wird.

Die EU Statistikbehörde Eurostat veröffentlichte seine neuesten Zahlen zu Personen, die "dem Risiko des sozialen Ausschlusses ausgesetzt sind" und verglich dabei die Jahre 2008 und 2015. Unter den 28 Mitgliedern gab es fünf Länder, in denen es signifikante Anstiege gab verglichen mit dem Jahr des Beginns der Finanzkrise. In Griechenland fallen nun 35,7% in diese Kategorie, während es 2008 28,1% waren, die Rate ging um 7,6% nach oben. In Zypern liegt die Zahl um 5,6% höher, wo nun 28,7% der Menschen als arm gelten. Spanien hat 4,8% mehr Arme, Italien 3,2% und sogar in Luxemburg, das eher nicht bekannt ist für soziale Risiken, ging der Wert um drei Prozent nach oben auf nun 18,5%.

Nicht überall sieht es so düster aus. In Polen ging die Armutsrate von 30,5% auf 23% zurück. In Rumänien, Bulgarien und Lettland gab es verglichen mit 2008 merkliche Rückgänge - in Rumänien etwa waren es sieben Prozent, so dass heute noch 37% als arm gelten.

Was ist der Unterschied zwischen den Ländern, wo es dramatisch nach oben ging und jenen, wo es runter ging? Sie haben es vermulich erraten. Die größten Armutsanstiege fanden alle in Ländern mit der Eurowährung statt. Die Rückgänge hingegen gab es in Ländern außerhalb davon.

Und es wird noch schlimmer. "Armutsrisiko" ist definiert als ein Einkommen, das weniger als 60% des nationalen Medianeinkommens entspricht. Das Medianeinkommen selbst fiel in den vergangenen sieben Jahren aber ebenfalls, da die meisten Länder in der Eurozone sich noch nicht von der Krise erholt haben. In Griechenland fiel das Medianeinkommen von 10.800 Euro pro Jahr auf 7.500 Euro heute. In Spanien war es nicht ganz so dramatisch, aber das Medianeinkommen ging noch immer von 13.996 Euro auf 13.352 Euro zurück. In Wahrheit werden die Menschen also sowohl relativ als auch absolut ärmer.

Es gibt noch weitere Kennzahlen, die das klar machen. EU weit sind 8% der Menschen "ernsthaft materiell unterversorgt" und das heisst, ihnen fehlt es an Zugang zu dem, was in den meisten zivilisierten Gesellschaften als grundlegende Bedürfnisse erachtet werden - in diese Kategorie fällt, wer vier von neuen Kästchen ankreuzt, darunter das Heizen der Wohnung, mindestens alle zwei Tage das Essen von Fleisch, Fisch oder vergleichbaren Proteinen, das Finanzieren eines Telefons.

Erstaunlicherweise stehen inzwischen mehrere Länder der Eurozone an der Spitze dieser Kennzahl. In Griechenland fallen nun 22% der Bevölkerung in diese Kategorie, was ein starker Anstieg im Vergleich zu 2008 ist, als es mit 11% nur die Hälfte war. In Italien, einem Land, das vor zwei Jahrzehnten so wohlhabend war wie jedes andere sind nun schockierende 11% der Bevölkerung "materiell unterversorgt", verglichen mit 7,5% vor sieben Jahren. In Spanien hat sich der Wert ebenso verdoppelt und in Zypern stieg er um 50%.

Schaut man sich dagegen die Länder außerhalb der Einheitswährung an, dann sieht man, dass der Wert entweder stabil ist, was etwa für Großbritannien gilt, oder aber merkliche fällt - im schnell wachsenden Polen etwa hat sich der Anteil "materiell unterversorgter" in den letzten sieben Jahren halbiert und liegt nun mit 7,5% unterhalb der Rate in Italien.

Das ist relevant. Die EU hat sich das Ziel vorgenommen, die Kernursachen für Armut bis 2020 deutlich zu reduzieren. Sie scheitern erbärmlich. Viel schlimmer ist aber, dass sich immer mehr herauskristalisiert, dass es mit dem Euro und den halbherzigen Rettungspaketen, die den Landen notdürftig zusammenhalten, ihre zentralsten Bausteine sind, die größtenteils dafür verantwortlich sind.

Es ist schwer, eine andere plausible Erklärung zu finden für die krassen Gegensätze bei den Armutsraten bei Ländern in und außerhalb der Eurozone. Warum sollten Griechenland und Spanien so viel schlechter abschneiden, als die Osteuropäer? Oder warum sollte die Situation in Italien so viel schlechter sein als in Großbritannien, wenn die beiden Länder in den 90ern doch fast das selbe Wohlstandsniveau genossen? (Tatsächlich waren die Italiener beim Pro-Kopf Einkommen eine Zeitlang sogar vor uns.) Selbst eine traditionell erfolgreiche Volkswirtschaft wie die der Niederlande erlebte einen deutlichen Anstieg von sowohl relativer als auch absoluter Armut und das, obwohl das Land bei der Finanzkrise nur peripher betroffen war.

Tatsächlich ist es nicht wirklich schwer herauszufinden, was passierte. Zunächst hat das dysfunktionale Währungssystem das Wirtschaftswachstum abgewürgt und die Arbeitslosigkeit in unglaubliche Höhen getrieben. Nachdem die Länder dann bankrott gingen und gerettet werden mussten haben EU, EZB und IWF Austeritätsmassnahmen erzwungen, mit denen die Wohlfahrtssysteme und Pensionen rasiert wurden. Es ist nicht überraschend, wenn unter solchen Umständen die Armut nach oben geht.

Auf den Finanzmärkten gibt es einen endlosen Fokus auf den Zustand des Bankensystems in der Eurozone, auf die wachsenden Budgetdefizite, und die Risiken der Deflation, was alles potenziell verheerend auf die Wertpapierpreise wirken könnte. Am Ende aber ist die Finanzkrise nicht wirklich wichtig. Sie kann mit Notkrediten und dem Drucken von noch mehr Geld abgewendet werden. Und selbst wenn dies nicht ginge, dann hiesse es lediglich, dass einige Banken und Investmentfonds etwas verlieren würden.

Die Tatsache aber, dass die Armutsniveaus in Ländern, die einmal als wohlhabend galten so schnell am ansteigen sind ist schockierend. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass dieser Anstieg sich abbremsen könnte - tatsächlich gibt es in Ländern wie Griechenland und Italien sogar eine Beschleunigung. Und jene, die einmal als Schmuddelkinder galten, wie etwa Bulgarien, oder Mitteleinkommensländer wie Polen, sind dabei jene Länder zu überholen, die einmal als das entwickelte Europa galten.

Sich kein Telefon leisten können, oder drei Mal pro Woche Fleisch essen ist kein Spass. Dank des Euro aber ist das nun das Schicksal von Millionen Europäern - und es wird sich so lange nichts daran ändern, bis die Währung abgeschafft ist.


Im Original: The eurozone is turning into a poverty machine

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